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Vinzenz Pallotti ruft zum Miteinander ...

von Sr. Adelheid Scheloske SAC

 

Das Leben Vinzenz Pallottis, 1795 – 1850, spielte sich in politisch unruhiger Zeit in den engen Grenzen der Stadt Rom ab.

 

Europa war im Umbruch: sechs Jahre vor Vinzenz Pallottis Geburt die Französische Revolution, gegen Ende seines Lebens 1848/49 Unruhen und Revolutionen in verschiedenen Ländern Europas. Dazwischen – in der Studienzeit Vinzenz Pallottis – 1814/15 der Wiener Kongress, der versuchte, die alte Ordnung in Europa wiederherzustellen. Die Revolutionen gut 30 Jahre später machen deutlich, dass dies nicht möglich ist.

 

Es gibt kein Zurück. Neben die Ideen von "Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit", von einer Mitbestimmung des Volkes, tritt in vielen Ländern zudem der Wunsch nach nationaler Einigung, so auch in Italien.

 

Hier ist dieses Bestreben auch gegen den Kirchenstaat gerichtet und damit oft antikirchlich und antiklerikal geprägt. So muss Vinzenz Pallotti sich knapp ein Jahr vor seinem Tod für einige Wochen versteckt halten, weil sein Leben in Gefahr ist.

 

Die Jahre, in denen er sich als Priester in die Kirche einbringt, sie mitgestaltet und prägt, sind die Jahre nach dem Wiener Kongress. Eine Zeit, in der gesellschaftlich und kirchlich versucht wird, die alten monarchischen Systeme in Europa aufrecht zu erhalten. Auch wenn der Kirchenstaat, der damals etwa ein Drittel des heutigen Italien darstellte, keine Erbmonarchie kannte, so regierte der Papst als Staatsoberhaupt doch praktisch wie ein Monarch in anderen Ländern Europas.

 

Vinzenz Pallotti, gemalt von Oskar Kokoschka. Bildquelle: SAC

Und unter den herrschenden Schichten ging Angst um: vor den Ideen von Gleichheit und Gleichberechtigung, vor Mitsprache und Demokratie. In diese Situation hinein wagt Vinzenz Pallotti von der Berufung "aller" zu sprechen.

 

Wenn er schreibt: "Alle sind berufen", so meint "alle": alle Menschen. Berufen zum "katholischen" Apostolat, wobei Vinzenz Pallotti katholisch nicht konfessionell, also als "römisch-katholisch", versteht, sondern im ursprünglichen Sinn des Wortes: universal, allgemein. Alle Menschen sind berufen zum universalen, allgemeinen Apostolat!

 

Was heißt das? Es geht um das Apostolat, d.h. die Sendung, Jesu: Jesus ist der erste Apostel, von Gott dazu gesandt, den Gott der Liebe zu verkünden und die Menschen zur Antwort der Liebe einzuladen. Diese Sendung weiterzuführen hat Jesus seinen Jüngern, der Kirche aufgetragen. Berufen sind dazu alle Menschen: jede und jeder persönlich durch Gott. Denn dadurch, dass wir von Gott - als Abbild seiner Liebe - gewollt und geschaffen sind, sind wir befähigt, die Liebe in Wort und Tat zu leben und zu verkünden. Für diese Sendung, dieses Apostolat braucht es keine Beauftragung oder Zustimmung anderer Menschen.

 

Es braucht das Wissen um die eigenen Begabungen und Fähigkeiten, darum, welche Charismen mir von Gott geschenkt sind. So wie Paulus es im Ersten Brief an die Korinther (3,4-11) schreibt: "der eine pflanzt – der andere begießt".

 

Und: "Beide arbeiten am gleichen Werk". Auch diesen Satz würde Vinzenz Pallotti voll unterschreiben: "Beide arbeiten am gleichen Werk". Bei aller Unterschiedlichkeit der Begabungen und Fähigkeiten, Rollen und Aufgaben geht es um das eine Werk Gottes, die Sendung Jesu.

 

Es braucht das Miteinander. Pallotti sieht dies auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen. Er hat erlebt, wie zerstörerisch Gegeneinander und wie unfruchtbar Nebeneinander ist. Er hat "Trennmauern" in der Kirche erlebt, und er hat sie beklagt. Für ihn ist es Sache der Vernunft, sich für das Miteinander zu entscheiden. So schreibt er: "Vernunft und Erfahrung beweisen, dass das Gute, das vereinzelt getan wird, spärlich, unsicher und von kurzer Dauer ist und dass selbst die hochherzigsten Bemühungen einzelner zu nichts Großem führen, wenn sie nicht vereint und auf ein gemeinsames Ziel hingeordnet sind" (vgl. Mai-Aufruf 1835).

 

Vereinen – zusammenführen – miteinander wirken – auf ein gemeinsames Ziel hin. Die Gedanke tauchen in Vinzenz Pallotti Schriften immer wieder auf. Unzählige Male verwendet er die Worte "cooperare" und "collaborare". Sie sind im Deutschen nur schwer in einem Wort wieder zu geben. Je nach Zusammenhang werden sie mit unterschiedlichen Worten übersetzt: zusammenarbeiten, zusammenwirken, kooperieren, mitarbeiten oder mitwirken.

 

Vinzenz Pallotti verwendet das Wort auch, wenn er vom "Mitwirken mit den barmherzigen Absichten und Wünschen Gottes" für das Heil der Menschen spricht: mit den Absichten und Wünschen Gottes "kooperieren".

 

Zusammenwirken der Menschen mit Gott und untereinander. Wenn Vinzenz Pallotti davon spricht,

  • geht es ihm darum, dass jeder Mensch die ihm von Gott geschenkte Würde wahrnimmt, Mitarbeiter Gottes zu sein.
  • Es geht ihm um die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, nicht zuerst weil jemand mich dazu beauftragt, sondern weil Gott selbst mich dazu beruft.
  • Es geht ihm darum, das Ganze zu sehen: die eine Sendung Jesu, in die wir alle – gemeinsam – berufen sind, und darum, den eigenen Beitrag in dieses Gesamt einzuordnen.
  • Es geht ihm darum, die Mauern, die in der Kirche zu Gegeneinander und Nebeneinander führen und damit die Botschaft unglaubwürdig werden lassen, abzubauen.
  • Es geht ihm darum, Angst zu überwinden und das sich ergänzende Miteinander anzustreben.
  • Und es geht ihm nicht zuletzt darum, in die Wünsche und Absichten Gottes einzuschwingen und das Heil aller Menschen – für sich selbst und alle anderen – zu suchen.

Vinzenz Pallotti entwickelte als Doktor der Theologe diese Ideen theologisch fundiert. Er sandte seine Überlegungen an Kirchenvertreter, Theologen, Ordensobere. Er begründete darin, warum alle in einem zu gründenden "Katholischen Apostolat" mitmachen, zusammenwirken können und sollen – und das hieß innerkirchlich vor allem: warum dies auch "Laien" gemeinsam mit Klerikern können und sollen.

 

So wurde Vinzenz Pallotti zum Verkünder des Laienapostolates. Und er fand breite Zustimmung, – auch, wenn es noch lange brauchte, bis seine Ideen in das kirchliche Denken aufgenommen wurden. Es ist wohl kein Zufall, dass Pallotti während des Zweiten Vatikanischen Konzils heilig gesprochen wird, bei dem die Kirche im „Dekret über das Laienapostolat“ – erst mehr als hundert Jahre nach seinem Tod! – viele seiner Ideen aufgreift und bestätigt. (Allerdings auch noch nicht einholt. Denn Vinzenz Pallotti setzt grundsätzlicher an als das Konzil, das die Berufung der Laien zum Apostolat aus Taufe und Firmung begründet. Vinzenz Pallotti sieht die Berufung aller begründet im Menschsein, also jeder und jedem unmittelbar von Gott gegeben.)

 

So fand Vinzenz Pallotti also Zustimmung zu seinen Ideen – ja, Umsetzung im kirchlichen Leben – erst viel später.

 

Und wie mit seinen Ideen so erging es ihm auch mit seiner Gründung. Die "Vereinigung des Katholischen Apostolates" ist ein Zusammenschluss, in dem sich Menschen aller Lebensformen und Berufungen, mit unterschiedlichsten Aufgaben und Möglichkeiten zusammentun.

 

Diese Vereinigung erhielt zwar zu Vinzenz Pallottis Lebzeiten ein "Ja", jedoch noch nicht die von ihm gewünschte kirchliche Anerkennung.

 

1835 war es, als "einige Priester und Laien" gemeinsam den Antrag stellten, dass diese Vereinigung, die sie gründen wollen, kirchlich genehmigt werde. Das muss revolutionär geklungen haben. Wer gab einem Laien überhaupt das Recht, zusammen mit Priestern, einen Antrag an den Papst und seine Vertreter zu richten? Das klang nach einer Mitsprache des Volkes, vor der Angst umging.

 

Doch Vinzenz Pallotti war kein Revolutionär. Und er war auch nicht nur der Doktor der Theologie. Er war fromm und lebte mit ganzem Herzen in der Kirche. Und so lag ihm daran, den kirchlichen Segen für die neue Gründung zu bekommen. Und Papst Gregor XVI. gewährt – in Antwort auf die gemeinsame Eingabe der Laien und Priester – der neuen Gründung "reichsten Segen".

 

Doch damit sind die Stimmen des Misstrauens und der Angst nicht einfach verstummt. Es gibt genug, die um ihre Stellung und Autorität fürchten. Es gibt Intrigen, die dazu führen, dass nach drei Jahren die Vereinigung wieder aufgelöst werden soll.

 

Vinzenz Pallotti und seine Freunde erreichen schließlich, dass dieser Auflösungsbeschluss nicht ausgeführt wird. Doch bleiben Fragen ungeklärt. Vor allem der Name ist anstößig: "Katholisches Apostolat", der Name, der Programm ist, weil er die Allgemeinheit des Apostolates zum Ausdruck bringt und damit für die Berufung aller zur Teilnahme, zum Miteinander in der kirchlichen Sendung wirbt. Vier Jahre nach Vinzenz Pallottis Tod darf dieser Name schließlich gar nicht mehr verwendet werden. Erst fast hundert Jahre später wird er den pallottinischen Gemeinschaften zurückgegeben. Von der Vereinigung des Katholischen Apostolates ist in diesen Jahren kaum die Rede. Und die Pallottiner und Pallottinerinnen entwickeln sich in vielem wie andere Ordensgemeinschaften.

 

Erst durch das II. Vatikanische Konzil ermutigt fragen sie seit Ende der 1960-er Jahre verstärkt nach ihrem Ursprung. In den Schriften Vinzenz Pallottis beginnen sie, seine ursprünglichen Absichten und Ideen zu erforschen. Und so starten sie 1995, zweihundert Jahre nach Vinzenz Pallottis Geburt, gemeinsam mit pallottinischen Laiengemeinschaften, einen erneuten Anlauf, die kirchliche Anerkennung seiner Ursprungs-gründung, der Vereinigung des Katholischen Apostolates (UAC), anzustreben.

 

Drei Jahre lang wird in Gespräch und Austausch ein Statut erarbeitet, das für die Anerkennung notwendig ist. Fast fünf Jahre braucht es dann, bis im Oktober 2003 die kirchliche Anerkennung der Vereinigung Vinzenz Pallottis ausgesprochen wird. Ein langer Weg, bis es zu der kirchlichen Anerkennung kommt, die Pallotti bereits angestrebt hatte.

 

Und auch heute bereitete zunächst Vinzenz Pallottis Idee des Miteinanders Schwierigkeiten, als es um die Anerkennung ging. Kirchenrechtlich ist ein solcher Verein, in dem Priester und Laien nicht über- oder untergeordnet einander gegenüberstehen, sondern gleichberechtigte Partner in der gemeinsamen Sendung sind, – kirchenrechtlich ist solch ein Verein nicht vorgesehen, auch heute nicht. Doch in den Jahren des Dialogs und nach sorgfältiger Prüfung hat die Kirche genau dazu ihre Zustimmung gegeben.

 

Und so kann es heute im Statut der Vereinigung des Katholischen Apostolates heißen: "Die vielfältigen persönlichen Berufungen, die verschiedenen Lebensformen, Bindungen und Dienste in der Vereinigung sind geeint ... durch denselben Geist, durch die gleiche Sendung und durch die Communio (die Gemeinschaft) untereinander... Auf der Gottebenbildlichkeit aller und dem gemeinsamen Priestertum des Volkes Gottes gründet die gleiche Würde der Mitglieder der Vereinigung. Sie drückt sich aus in einer Vielfalt von Berufungen – zum Leben als Laie, zum geweihten Leben und zum geistlichen Amt –, die so miteinander verbunden sind, dass der eine dem anderen hilft, aufmerksam zu sein, stets zu wachsen und den ihm eigenen Dienst zu leisten" (GenStat 6 und 7).

 

 

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