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Heimgang von Sr. M. Agnes Leinweber SAC

Nach einem erfüllten Leben von einem Jahrhundert gab unsere Sr. Agnes Leinweber am 21. September 2026 ihr Leben zurück in die Hände Gottes. Sie schlief friedlich ein in unserem Haus Felizitas.

 

Agnes kam am 15. September 1926 als ältestes Kind des Schuhmachermeisters Oskar Leinweber und seiner Ehefrau Anna, geborene Becker, in Fulda zur Welt. Zwei Tage alt wurde sie auf die Namen Agnes Josefina Rosalia getauft. Mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Gretel und ihrem zwölf Jahre jüngeren Bruder Willi wuchs Agnes in einer liebevollen Familie auf, die ihren Glauben lebte. Dass ein Leben nach dem Evangelium Konsequenzen haben kann, erfuhren Agnes und ihre Geschwister schon in der Kindheit.

 

Im Januar 2016 notierte Sr. Agnes ihre Erinnerungen an die Zeit der Judenverfolgung in Fulda in den Jahren 1937 bis 1939. Sie hielt fest, dass ihre Eltern aktiv Juden unterstützt haben. Der Vater nähte Bargeld in die Schuhe ein und die Eltern verteilten Lebensmittel an jüdische Familien, die keine Zuteilung mehr erhielten. Durch die Vermittlung von Oskar Leinweber konnten die Familien auch bei einem Bauern wichtige persönliche Habseligkeiten unterstellen. Bald darauf wandte der Synagogenvorsteher sich an den Vater mit der Frage, ob er die Tora und andere Gegenstände verstecken könne. „Trotz der großen Angst, es könnte ans Licht kommen, sagte mein Vater mit Einstimmung meiner Mutter zu. So brachte man in der kommenden Nacht heilige Schriften und Gegenstände zu uns. Vater versteckte die Dinge dann hinter einer provisorischen Holzwand, die er dafür angefertigt hat.“

Leider überlebten die Bekannten der Familie Leinweber den Holocaust nicht. Etwa zwei Jahre nach Kriegsende holte ein mittlerweile in Amerika lebender Jude die Tora und die anderen heiligen Gegenstände ab, weil er über das Versteck informiert war. Am Ende ihrer Aufzeichnungen schrieb Sr. Agnes: „Für mich war diese furchtbare und grausame Zeit unbegreiflich und bleibt bis heute unvergesslich. Gott schenke den jüdischen Opfern und auch den tapferen Widerstandskämpfern den ewigen Frieden.“

 

Nach der Schulzeit leistete Agnes das Pflichtjahr und absolvierte eine Ausbildung zur Foto-Laborantin. Ihr Lehrbetrieb hätte sie sehr gerne übernommen, aber Agnes fühlte einen anderen Ruf. Im Juni 1947 schickte sie ihre Bitte um Aufnahme ins Postulat nach Limburg. Ihr Heimatpfarrer bescheinigte, dass sie „einer der achtbarsten und besten Familien der Stadtpfarrei“ entstammte und er fuhr fort, „ihre eigene Lebensführung war immer vorbildlich“.

 

Am 25. August 1947 trat sie in unsere Gemeinschaft ein und wurde am Fest Maria Himmelfahrt 1948 als Sr. M. Hildeberta eingekleidet. Später kehrte sie zu ihrem Taufnamen Agnes zurück.

 

Nach ihrer ersten Profess am 15. August 1950 besuchte sie zuerst das Vorschulsemester an der Marienschule Limburg und schloss daran die Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin an, die sie im März 1956 erfolgreich beendete. Im August dieses Jahres legte sie auch die ewige Profess ab.

 

Nach einem Jahr im Kindergarten in Limburg half Sr. Agnes in verschiedenen Tätigkeiten in den Filialen in Gereonsweiler und Olpe. Es schlossen sich zwei Jahre in unserem Bildungs- und Exerzitienhaus in Limburg an, bevor Sr. Agnes im Juni 1960 nach Refrath versetzt wurde, um dort als Kindergärtnerin zu arbeiten. Sie blieb dort für sechs Jahre. Es folgten sieben Jahre in Langendernbach, wo sie neben ihrem Beruf auch den Dienst der Hausoberin ausübte.

 

Im August 1973 wurde Sr. Agnes die Leitung des Kindergartens St. Georg in Limburg übertragen. Bis 1985 wirkte sie dort und ihre Augen leuchteten, wann immer man sie auf diese Zeit ansprach.

 

Nach ihrem beruflichen Ruhestand blieb sie in Limburg. Sechs Jahre lang war ihr das Amt der Hausoberin der Kommunität Marienborn anvertraut und für ein Jahr war sie Kommunitätsoberin der Noviziatsgemeinschaft. Ihre Sorge galt bis 2012 ihren älteren Mitschwestern und sie sprang ein, wo immer Hilfe benötigt wurde.

Sr. Agnes war künstlerisch sehr begabt. Das Fotografieren machte ihr große Freude und sie hatte ein ausgezeichnetes Auge für Motive. Ihre Fotokarten waren stets ein sehr willkommenes Geschenk. Und ihr musikalisches Talent brachte sie bis 2015 als Organistin ein.

 

Ab 2022 lebte Sr. Agnes in unserem Haus Felizitas, aber lange Zeit brauchte sie dort kaum Unterstützung. Ganz still und ohne Aufhebens besuchte sie die Mitschwestern, denen es nicht so gut ging und viel Zeit verbrachte sie in der Kapelle. Sie trug in Gedanken die Anliegen so vieler Menschen vor Gott. Einen besonderen Platz in ihrem Herzen nahmen ihre Familienmitglieder ein und sie dürfen gewiss sein, dass sie mit Sr. Agnes nun eine Fürsprecherin im Himmel haben.

Am 15. August 2020 anlässlich ihres 70. Professjubiläums erzählte Sr. Agnes, dass sie täglich spreche: „Jesus, nimm den Coronavirus und den Virus des Bösen weg aus der ganzen Welt. Jesus, stecke uns an mit dem Virus deiner unendlichen Liebe.“ Sie lebte stets authentisch und kreativ ihre Berufung, von der unendliche Liebe Gottes Zeugnis zu geben.

 

Den Begleitbrief zu ihren Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus beendete sie so: „Der gütige, barmherzige Gott schenke uns die Gnade, dass wir und unser Volk aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.“ In diesem innigen Wunsch begegnet uns die innere Größe von Sr. Agnes. Anstatt einer Anklage erbat sie von Gott die Gnade zum rechten Handeln. Wir sind von großer Dankbarkeit erfüllt, dass Sr. Agnes jeden Tag aufs Neue gelebt hat, was sie als Grund ihrer Berufung angab. Sie wollte am Aufbau des Reiches Christi mitwirken und wenn wir zurückblicken, so hat sie Grundsteine im Leben vieler Menschen gelegt. Ihre Menschenfreundlichkeit und Güte hatten Strahlkraft bis in ihre letzte Stunde.

 

Mögen wir in ihrem Gedenken gerade in unserer aktuellen Zeit mutig für das Evangelium und für eine freie und demokratische Gesellschaft eintreten, in der die Menschenrechte gelten, gegründet darauf, dass jeder Mensch Abbild Gottes ist.